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Full text of "Rudolf Virchow als Pathologe"

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\ 



Rudolf Virchow 



ALS PATHOLOGE. 



•• 



GEDÄCHTNISREDE 



gehalten am 21. Oktober 1902 



in der 



MEDIZINISCHEN GESELLSCHAFT ZU LEIPZIG 



von 



FELIX MARCHÄND. 



»^^t^^* 



MÜNCHEN 

Verlag von J. F^. Lehmann 



1902. 






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Hochgeehrte Anwesende! 

Als am 5. September die Trauerkunde die Welt durcheilte, 
dass RudolfVirchow die Augen geschlossen habe, da hallte 
es vom ganzen Erdenrund, wo immer Medizin und Naturwissen- 
schaft gepflegt wird, von tiefem Sehmerz wieder! 

Tausende und Abertausende empfanden, dass einer jener 
Grossen dahingegangen sei, die nur selten im Laufe der Jahr- 
hunderte auftreten, um der Wissenschaft den Stempel ihres 
Genius aufzuprägen. 

Wenn ich es unternehme, schon kurze Zeit nach dem Hin- 
gang unseres grossen Meisters seine Bedeutung für die Patho- 
logie im Ralunen eines kurzen Vortrages zu schildern, so be- 
schleicht mich gegenüber der unendlichen Fülle des Stoffes ein 
Gefühl der Befangenheit, ähnlich dem, welches V i r c h o w selbst 
empfand, als ihm die Aufgabe ward, das Andenken seines grossen 
T^hrers Johannes Müller zu feiern. 

V i r c h o w gehörte zu den bevorzugten Geistern, die schon 
in jungen Jahren, in denen andere kaum die ersten tastenden 
Schritte auf wissenschaftlichem Boden versuchen, mit Meister- 
werken hervortreten imd mit Bewusstsein in den Gang der 
Wissenschaften eingreifen. Aber ihm war es auch, wie nur weni- 
gen, vergönnt, bis über das 80. Lebensjahr hinaus eine schaffende 
und sichtende Tätigkeit zu entfalten, so dass er am Ende seiner 
Laufbahn auf eine Lebensarbeit von mehr als fünf Dezennien zu- 
rückblicken konnte. Sein Gei^t schien keine Ermüdung zu 
kennen, bis schweres körperliches Leiden ihn niederwarf. 

Eine fast unerschöpfliche Fähigkeit der Produktion in Ver- 
bindung mit seltener Beobachtungsgabe, dem schärfsten kritischen 
Verstand, einem staunenswerten Gedächtnis, einer unvergleich- 

1* 



— 4 — 

lioheii Ausdauer in der Arbeit, einem unstillbaren Drang nach 
immer neuer Erkenntnis machten es möglich, dass dieser Eine 
Mann nicht nur auf seinem ursprünglichen Arbeitsfelde, der 
Pathologie, neue Bahnen erschloss und selbst unzählige Schätze 
förderte, sondern dass er auch auf mehreren anderen Gebieten 
des Wissens und des öffentlichen Lebens als einer der führenden 
Geister hervortrat. 

Zu jener seltenen Vereinigung von Geistesgaben kam eine 
mächtige Triebfeder hinzu: das tiefe Mitgefülil mit den Armen 
und Elenden, die Ueberzeugung, dass das wahre Wohl der leiden- 
den Menscheit auf Wohlstand, Bildung und Freiheit 
beruhe. In diesem Pimkt war es, wo der Gelehrte und Forscher 
mit dem Politiker sich verband. Beide ganz von einander zu 
trennen ist unmöglich. 

Aus bescheidenen Verhältnissen hervorgegangen, kam der 
kaum 18 jährige junge Student aus dem kleinen pommerschen 
Landstädtchen Schivelbein im Herbst des Jahres 1839 nach 
Berlin, um als Zögling der militärärztliohen Bildungsanstalten, 
wie der wenig ältere Helmholt z, sich dem Studium der Medi- 
zin zu widmen. „Dieser junge Mann besitzt alle Anlagen, ausser 
Krankheitsanlagen", so lautete das Zeugnis des Militärarztes bei 
der Aufnahmeprüfung ^). 

Unter seinen Lehrern waren es hauptsächlich zwei, die den 
gross ten, nachhaltigsten Einfluss auf V i r c h o w ausübten, vor 
allem Johannes Müller, sodann Lukas Schönlein, der da- 
mals noch auf der Höhe seines Ruhmes stand. 

Gerade heute vor 59 Jahren, am 21. Oktober 1843, erlangte 

V i r c h o w die medizinische Doktorwürde imter dem Dekanate 
von Johannes Müller auf Grund einer Dissertation „De rheu- 
mate praesertim corneae". 

Unmittelbar nach Beendigung der Studienzeit (1844) begann 

V i r c h o w seine wissenschaftliche Laufbahn als Assistent des 
Prosektors an dem Berliner Charitekrankenhause , Robert 
F r o r i e p, dann nach dessen Abgang (im Jahre 1846) als sein 
Nachfolgei'. 57 Jahre später war es ihm vergönnt, zu seinem 
80. Geburtstag an derselben Stätte die grösste Huldigungsfeier 
zu erleben, die jemals einem Gelehrten zu Teil geworden ist''). 



— 5 — 

Mehr als ein halbes Jahrhundert wissenschaftlicher Arbeits- 
und Forschertätigkeit in einer Zeit, in welcher die Medizin und 
die Naturwissenschaft die glänzendsten Triumphe feierten! 

Für uns, die wir selbst längst nicht mehr der jungen Genera- 
tion angehören, und noch viel mehr natürlich für das jüngere Ge- 
schlecht, ist es schwer, uns in jene Zeit am Ende der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts zu versetzen, in der der junge 
V i r c h o w seine Tätigkeit begann. Die junge Greneration, die 
schon ganz in den neuen Anschauungen aufgewachsen ist, mag 
sich nicht einmal vorzustellen, wie es vor kaum mehr als 
30 Jahren in der Medizin aussah, wo der Streit um die Ursache 
der Infektionskrankheiten in den Vordergrund trat, wo die 
Wundkrankheiten, das Puerperalfieber noch unzählige Opfer for- 
derten, wo in der Tuberkulose nur einzelne, fast schüchtern, eine 
ansteckende Krankheit vermuteten. Es war der Beginn des 
ätiologischen Zeitalters der Medizin. Und weitere 30 Jahre 
f liiher war es, als Theodor Schwann, ein anderer berühmter 
Schüler von Virohows grossem Lehrer Joh. Müller, mit 
seinen mikroskopischen Untersuchungen über 
die U eberei n s t im mung in der Struktur und 
dem Wachstum der Tiere und Pflanzen die 
wissenschaftliche Welt in Bewegung setzte. Sein Werk gipfelte 
in dem Nachweis, äass die sämtlichen tierischen Gewebe, 
ebenso wie die der Pflanzen, ursprünglich aus Zellen her- 
vorgehen *). 

Aber Schwann Hess nach dem Vorgange von Sohleiden 
die lebenden Zellen durch Neubildung aus einem unbelebten 
amorphen Blastem entstehen. 

Die alte Lehre von der Entwicklung der festen Teile des 
Körpers aus flüssigem Material, die sich in fast unveränderter 
Form in die ältesten Zeiten der Medizin zurückverfolgen lässt, 
behielt ihre Geltung für die normale Bildung ebenso wie für 
alle pathologischen Produkte. 

Dennoch war die Erkenntnis, dass jede Organisation nur 
durch Vermittelung von Zellen stattfinde, eines der glänzend- 
sten Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Methode, die vor 
Allen Johannes M ü 1 1 e r in die biologischen Wissenschaften ein- 



— 6 — 

führte, diu Metliode der exakten Beobaclituug an Stelle der 
Six^kulation. Auf pathologischem Gebiete konnte bereits 1838 
^I ü 1 1 o r selbst in seinem berühmten Geschwulstwerke den 
Nachweis zelligor Elemente in Neubildungen führen, die teil- 
weise denen dos normalen Organismus glichen '). 

Wohl hatte die Physiologie in den ersten Dezennien des 
19. Jahrlnmderts in Frankreich und in Deutschland glänzende 
Erfolge zu verzeichnen, aber neidlos wird der mächtige Einfluss 
des grossen Berliner Physiologen auf die Entwickelung der ge- 
samten Biologie anerkannt. Niemand empfand dies dankbarer 
als V i r c h o w, der in der konsequenten Anwendung der natur- 
wissenscliaftlichen Methode auf die Pathologie seinem grossen 
Ixpihrer das schönste Denkmal setzte. 

Wenig erfreulich sah es noch in den 40 er Jahren in der 
Medizin in Deutschland aus! Die Wandlung durch die natuff- 
philosophische und die naturhistorische in die naturwissenschaft- 
liche Sclmle vollzog sich nur langsam und unvollkommen. 

AVohl felüte es im Ausland nicht an vorzüglichen Forschern 
auf dem Oebietc der patliologischen Anatomie, die, im Dienste 
der Klinik, auf den Spuren des grossen Morgagni wandelten 
— es sei hier nur an die Namen Andral, Cruveilhier, 
Garswell, Bright erinnert — , an hervorragenden Klinikem 
in Deutschland, die die Kontrolle der pathologischen Anatomie 
nicht aus den Augen Hessen — Schönlein, C. Hasse, 
Krukenberg, Skoda — , aber es fehlte die alles durch- 
dringende Erkenntnis, dass die Krankheit kein Ding für sich, 
sondern Leben unter veränderten Bedingungen 
sei. 

Die allgemeine Pathologie, wie sie in der Klinik gelehrt 
wurde, war im besten Falle eine Sammlung von Abstraktionen 
aus Einzelfällen, als deren theoretisches Bindemittel zum Teil 
die merkwürdigsten spekulativen Begriffe dienten. Die alte 
I-<ehre von der Dyskrasie spielte noch immer eine grosse 
Rolle, stand doch selbst der grosse Wiener pathologische Anatom 
Karl Rokitansky, nach Virchows eigenem Urteil der 
unerreichte Meister pathologisch-anatomischer Beobachtung und 



— 7 — 

Schilderung, zu jener Zeit noch ganz auf dem Boden dieser 
Lehire. °) 

Es fehlte, mit einem Wort eine wissenschaftliche p a t h o - 
logischePhysiologie, und diese war es, in der Virchow 
von seinem ersten Auftreten an das einzige Heil der zukünftigen 
Medizin erblickte. Nicht die pathologische Anatomie als solche 
war ihm das zu erstrebende Endziel, sondern ihre Einordnung 
in die gesamten biologischen Wissenschaften^). 

Freilich Stand Virchow in Deutschland nicht allein mit 
seinen Reformbestrebungen. Schon im Jahre 1841 vereinigten 
sich in Süddeutschland drei andere aufstrebende Geister, 
W. Roser, C. A. Wunderlich und W. Griesinger, 
die in der Erkenntnis der unwissenschaftlichen Behandlung der 
Medizin in Deutschland, der Schwäche der naturhistorischen 
Schule und in der Ueberzeugung, dass die Reform der Medizin 
von der Anwendung der Physiologie auf die Klinik ausgehen 
müsse, das Archiv der physiologischen Heil- 
kunde herausgaben *). Die Eifersucht, die zwischen der 
physiologischen Richtung und der pathologisch-histologischen 
Virchows frühzeitig entstand, obwohl beide im wesentlichen 
dasselbe Ziel verfolgten, ist nie ganz verschwunden. Wenn die 
anatomische Schule in Deutschland schliesslich die herrschende 
blieb, so ist das in vieler Beziehung von grossem Nutzen für 
den Ausbau der Wissenschaft geworden. Wenn heute jede 
deutsche Universität ein pathologisches Institut besitzt, so ver- 
danken wir das eben diesem Sieg der anatomischen Schule 
Virchows, dem Einflüsse seiner mächtigen Persönlichkeit. 
Indes ist wohl nicht ganz zu leugnen, dass darüber die experi- 
mentelle, mehr physiologische Richtung der Pathologie etwas 
über Gebühr zurückgedrängt worden ist **). 

Mit einer zweiten, mehr spekulativen Richtung in der wissen- 
schaftlichen Medizin, der von Jakob Henle begründeten 
rationellen Pathologie, konnte sich Virchow 
ebenfaUs nicht befreunden; die Gegensätze verschärften sich 
allmählich mehr und mehr **). Zu dem Virchow sehen Kreise 
gehörten hauptsächlich B. Reinhardt, Rudolf L e u - 
b u s c h e r, Arnold Mendelsohn und der etwas ältere 



— 8 — 

I^udwij^: Trau b e, der in der Anwendung der ex^>erimentell- 
pathologiHi^hen Aletluxie auf die Klinik vorangingt"). 

JiauKtein über Baustein trug der jugendliche Prosdrtor lier- 
Ik'I, um (lüH neue (iebäude zu gründen! Brachte doch schon da«j 
Jahr 1845 die Entdeckung der leukämischen Blutver- 
änderung, daH folgende Jahr umfangreiche Arbeiten über 
den F a H e r H t o f f und die glänzenden Untersuchungen des 
24 jäiirigen üU;r die V e r s t o p f u n g d e r L u n g e n a r t e r i e, 
eine MuHlerleistuiig des pathologischen Exi>erimeuts, sowie der 
Virwertung der pathologisch-anatomischen Beobachtung zur 
Aufklärung von dunkeln und vielfach missdeuteten klinischen 
Vorgängen von grösster \Vi(!litigk('it "). 

In das Jahr 1847 fällt die Gründung des Archivs für 
pathologische Anatomie und Physiologie und 
für klinische M <t d i z i n durch R. V i r c h o w im Vei*ein 
mit Benno Re i n h a r d t, dur leider wenige Jahre später durch 
einen frühen Tod der Wissenschaft entrissen wurde "). Die 
Mtolz<; Rc'ilie der 169 Bände d<?s Archivs, welche — eine beispiel- 
lo«<} Ersi^lieinung in d(?r ganzen medizinischen Literatur — von 
ein(?m und demselben Manne herausgegeben wurde, ist wohl der 
grossartigHte Beweis der Ixibenskräftigkeit der Virchowschen 
Schule. 

()l(»i(jh der erste Band enthielt ausser zwei hervorragenden 
Ixi-itartikctln drei grosse^ z. T. grundlegende Arbeiten aus der 
F(ul(»r des jug(Midlichen llerauwgebers : Zur Entwicklungs- 
g(»Hchicht(i d(** Krebs<»*; lieber di(i akute Entzündung der Ar- 
terien und lT(»lK*r die pathologischen Pigmente. In steter Folge 
Hchl()HK<'n nich neue, AufK<'hen erregende leitende Artikel, 
kasuiMtisclH' und gröswen^ zusammenfassende Arbeiten an, die 
dureli (irün(lli<;hkeit (l<;r Forschung, s<?lteno Beherrschung der 
I it(»ratur und kritisclui Scihärfe unsere Bewunderung erregen. 
So war Vi rehow weit mehr als blosser Herausgebe!* und Re- 
dakteur des Arcrhivs; bis zu seinem Ende blieb sein Verhältnis 
zu dem Archiv, wenn auch nicht selten den seinigen ganz ent- 
gegeng(^setzte Ansichten darin zum Ausdruck kamen, ein mehr 
persönliches, als es sonst dor Fall zu sein pflegt. 



— 9 — 

Xebeii jenen Arbeiten fand V i r e h o w Zeit zu zahlreichen 
Mitteilungen in den Gnesellßchaften für Geburtshilfe und für 
wissenschaftliche Medizin in Berlin. In dasselbe Jahr (1847) 
fällt seine Habilitation als Dozent an der Universität ^'). 

Der Beginn von V i r c ho w s Laufbahn fiel aber nioJit 
bloss in eine Zeit der wissenschaftlichen, sondern auch der tiefst- 
greif enden politischen Gährung. Mit einer Begeisterung, wie 
sie nur Zeiten grosser nationaler Erregung hervorzurufen pflegen, 
und doch mit kritisch abwägendem Verstände, mit dem Mute 
der üeberzeugung, der selbstlosen Geringachtung persönlicher 
Rücksichten trat der junge Gelehrte in die politische Arena, 
um sich an dem Kampf für die gefährdeten Rechte des Volkes 
zu beteiligen. Die Medizin war für V i r c h o w eine soziale 
Wissenschaft. „N ur der liberale Mann kann 
das wahre Wesen der Medizin erfassen" lautete 
die erste These seiner Doktordissertation '*). 

Die Reform der sozialen Medizin, eine Gesundheitspflege 
auf demokratischer Grundlage war das Ziel, das der jugendliche 
V i r c h o w gleichzeitig mit der Reform der wissenschaftlichen 
Medizin mit einer Energie verfolgte, die wohl auch Wider- 
strebende mit fortreisisen musste. Der unvermittelte Gegensatz 
zweier Weltanschauungen trat hier in krasser Form hervor; es 
hat lange gedauert, bis das, was V i r o h o w damals für das not- 
leidende Volk forderte, allmählich in Erfüllung ging. Den 
mächtigsten Antrieb zu dieser sozialen Tätigkeit gab die Ent- 
sendung Virchows nach Oberschlesien zum Studium der dorti- 
gen Typhusepidemie im Beginn de« Jahres 1848. Der Bericht über 
diese grosse Volkskranldieit, eine hervorragende epidemiologische 
Schilderung, ist von Leidenschaft und innerer Empörung über die 
jammervolle Lage der niederen Bevölkerung jener östlichen 
Landesteile durchglüht '*). Die freimütige Darlegung der so- 
zialen Misstände, die nach Virchows Üeberzeugung in aller- 
erster Linie für die Not verantwortlich gemacht werden mussten, 
erregte begreiflicherweise das Missfallen der leitenden Behörde. 
Inzwischen war die Märzrevolution mit ihren vergeblichen 
Opfern und getäuschten Hoffnungen gekommen. Das Wieder- 
auftreten der Cholera schürte von neuem die Erregung, wie sie 



— 10 — 

andrerseits auch Anläse zu eingehender wissenschaftlicher Er- 
forschung gab. Auf diesem vulkanischen Boden entstand im 
Juli 1848, herausgegeben durch V i r o h o w und Leubusche r, 
„D ie medizinische Refor m*', eine der eigenartigsten 
literarischen Erscheinungen, die aber schon nach einem Jahr ihr 
Ende fand. „Die medizinische Reform, die wir gemeint haben", 
sagt der Herausgeber nicht ohne Bitterkeit, „war eine Reform 
der Wissenschaft und der Gesellschaft. Wir haben ihre Prin- 
zipien entwickelt, sie werden sich ohne das Fortbestehen dieses 
Organs Bahn brechen." ^') 

Infolge seiner politischen Tätigkeit war V i r c h o w nahe 
daran, seine Prosektur in der Charite zu verlieren; man beliess 
sie ihm schliesslich unter Entziehung der damit verbundenen 
Emolumente und unter Vorbehalt des Widerrufes^"). 

So war es denn ein besonders grosses Glück für ihn selbst 
wie für die Wissenschaft, dase Virchow im Sommer 1849 
einen Ruf als Professor der pathologischen Anatomie nach 
Würzburg erhielt, dem er zu B^nn des Wintersemesters Folge 
leistete. 

Kaum 28 Jahre alt zog Virchow als Professor in Würz- 
burg ein, an der Seite seiner jimgen Gattin, einer Tochter des 
Berliner Frauenarztes Karl Mayer, die seine treueste Stütze 
bis zum letzten Tage seines Lebens blieb. Er trat dort in einen 
Kreis höchst anregender imd gleichgesinnter Männer, unter 
denen in erster Linie Albert Kölliker, femer Heinrich 
Müller, Rinecker u. a. zu nennen sind. Er durchstreifte 
die schönen fränkischen Fluren, Natur und Menschen studierend; 
eine ganz andere Atmosphäre umgab ihn hier, als die schwüle 
Gewitterluft BerliiLs. Es ist wohl kein Zweifel, dass die Würz- 
burger Jahre die glücklichsten inVirchows Leben waren. 

Die Anregungen, die Virchow in Würzburg empfing, 
sind von grösster Bedeutung für seine weitere Entwicklung ge- 
worden; wie gross andrerseits auch sein befruchtender Einfluss 
auf das medizinisch-naturwissenschaftliche Leben Würzburgs 
war, das hat niemand rückhalt- und neidloser anerkannt als 
A. Kölliker"). Die neue Blütezeit der fränkischen Hoch- 
schule knüpft sich an die Namen der beiden Geistesheroen 



— 11 — 

Külliker und V i r c h o w. Noch heute gedenken diejenigen, 
die das Glück hatten, den unmittelbaren Einfluss der genialen 
Persönlichkeit zu genieseen, mit Begeisterung jener Tage. 

Von hier aus begann die Schule Virchows sich auszu- 
breiten, die dann später immer weitere Kreise über die Grenzen 
Deutschlands, ja Europas zog. 

Die Verhandlungen der medizinisch-physikalischen Gesell- 
schaft zu Würzburg aus den Jahi-en 1850 bis 1856 legen beredtes 
Zeugnis ab von der intensiven Tätigkeit, die V i r c h o w hier 
entfaltete; es wäre unmöglich, hier auf Einzelheiten einzugehen; 
nur das Wichtigste sei hervorgehoben. In erster Linie die Unter- 
suchungen über den Bau des Bindegewebes, der Nach- 
weis der BindegewebszeUen und ihrer Identität mit den Knorpel- 
und Knochenkörperchen, ihres Verhältnisses zu den Inter- 
zellularsubtanzen, die V i r c h o w (später) als Ausscheidung der 
Zellen mit nachträglicher Umwandlung betrachtete **). 

Femer die bedeutungsvollen Arbeiten über die Entzün- 
dung, die in ihren Anfängen schon auf frühere Jahre zurück- 
zuführen sind, aber hauptsächlich in der berühmten Arbeit über 
„Parenchymatöse Entzündung" (aus dem Jahre 
1852) niedergelegt wurden. 

Es ist bekannt, dass V i r c h o w hier mit der älteren 
vaskulären und der neuropathologischen Entzündungslehre brach 
und als das Wesen der Entzündung Veränderungen in den Ge- 
webszellen der Parenchyme degenerativen Charak- 
ters hinstellte "). 

Mehr und mehr sagte sich V i r c h o w von der alten Lehre 
von den Exsudaten los, die bis dahin in der Entzündung und 
bei der Gewebsneubildung als amorphe Blasteme die Hauptrolle 
spielten. „Das Exsudat, das « und w der neueren pathologischen 
Anatomie", war für V i r c h o w nichts anderes als die quan- 
titativ und qualitativ veränderte Emährungsäüssigkedt, die bei 
der Entzündung in das Kanalsystem der Bindegewebskörperchen 
eintritt und ebenso das Interzellulargewebe durchtränkt'**). Die 
Zellen vergrössem sich durch vermehrte Aufnahme und weitere 
Umwandlung des Nährmaterials; immer mehr tritt die Verände- 
rung der Zellen und ihrer Derivate (Muskelfasem etc.) in den 



— 12 — 

Vordergrund, so auch in den drüsigen Organen. Die Beteiligung 
der Gef ässe bei der Entzündung wurde von V i r c h o w keines- 
wegs in Abrede gestellt, aber als etwas Sekundäres, als Folge 
der vermehrten „Attraktion" des Emährungsmaterials betrachtet. 
Da dieselben Parenehymveränderungen unter Einwirkung von 
sogen. Entzündungsreizen sowohl an gefässhaltigen als an ge- 
fässlosen Geweben sich finden, so dürfen sie wohl als das Wesent- 
liche bei der Entzündung betrachtet werden. 

In dieselbe Zeit fiel die Entdeckung der eigentümlichen Jod- 
reaktion der si)äter von V i r c h o w als „A m y 1 o i d" bezeich- 
neten Substanz; wenn auch die Annahme, dass es sich um einen 
zelluloseähnlichen Körper handle, sich nicht bestätigte, so er- 
möglichte doch jene Reaktion die genaue Erforschung der merk- 
"würdigen Degeneration^^). 

Daneben beschäftigten V i r c h o w andauernde Unter- 
suchungen über Tuberkulose, über Geschwülste, 
über Rhachitis und anderes. Die Not der armen Bevölke- 
rung im Si>essart veranlasste eine winterliche Expedition in jene 
ziemlich unwirtlichen Gegenden^). In Würzburg entstanden 
femer die bahnbrechenden Arbeiten über den Kretinismus 
in ünterfranken und über die pathologischen Schädel- 
formen, die die erste Veranlassung zu der später immer aus- 
gedehnteren anthropologischen Tätigkeit Virchows \^iirdeii. 
Sie fanden einen glänzenden Abschluss in den berühmten 
„Untersuchungen über die Entwickelung des Schädelgrundes im 
gesunden und krankhaften Zustande", einem Meisterwerke ana- 
tomischer Forschungsmethode von grundlegender Bedeutung '^). 

Neben dieser vielseitigen Tätigkeit ging die Herausgabe des 
Canstatt sehen Jahresberichtes unter der neuen Redaktion 
von Virchow, Scherer und Eisenmann einher, an 
der sich Virchow in reichem Masse beteiligte. Das Jahr 1854 
brachte die Verwirklichung des Planes eines Handbuches der 
speziellen Pathologie und Therapie unter Virchows Leitung, 
in dessen erstem Bande er selbst das hochwichtige Werk 
„Die allgemeinen Störungen der Ernährung und des Blutes" 
lieferte. Einen weiteren Schlusstein der Würzburger Tätig- 
keit bezeichnet die Herausgabe der Gesammelten Abband- 



— 13 — 

lungen zur wissenschaftlichen Medizin mit zahlreichen neuen 
Beiträgen. 

Yon grösster Bedeutung war die in den Würzburger 
Jahren allmählich gereifte Ueberzeugung von der aus- 
schliesslichen Entstehung von Zellen aus 
vorherbestehenden Zellen. 

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine so tief eingreifende 
Erkenntnis, die sich zu den gesamten, bis dahin unbestrittenen 
Anschauungen von der Gewebsbildung in den schärfsten Gegen- 
satz setzte, nicht plötzlich und unvermittelt entstehen Trennte. 
Hatte doch Vi r c h o w selbst noch im Jahre 1847 geschrieben : 
„Alle Organisation geschieht durch Differenzierung von form- 
losem Stoff, Blastem"'*). Der erste Anstoss, der diese so fest- 
gewurzelte Ueberzeugung ins Wanken brachte, ging von der 
Embrj'ologie aus ; K o 1 1 i k e r gelangte, woran er selbst neuer- 
dings erinnert, „zur Annahme einer Abstammung aller Zellen 
eines Individuums unmittelbar aus der Eizelle und zur Ver- 
werfung einer freien Zellbildung" "). Ganz besonders war es 
ß e m a k, der die Zellen des tierischen Keimes nur durch fort- 
schreitende, vom Kern ausgehende Teilung entstehen sah und 
die Bildung von Zellen in einem freien Blastem in Abrede stellte. 
K e m a k zog bereits 1852 die Konsequenz aus diesen Er- 
fahrungen für die pathologischen Neubildungen, indem er die 
Vermutung aussprach, „dass die pathologischen Gewebe ebenso- 
wenig wie die nonnalen in einem extrazellulären Cy toblast em 
sich bilden" '"). 

V i r c h o w äusserte sich noch in der speziellen Pathologie 
mit einer gewissen vorsichtigen Zurückhaltung über diese Frage: 
„Wir alle haben die Sache zu leicht genommen und aus einzelnen 
Untersuchungen zu früh allgemeine Schlüsse gezogen". Auch 
hier zeigte sich V i r c h o w als der kritisch abwägende Forscher; 
er warnte vor Ueberstürzung. Noch stellte er die Organisation 
von Exsudat oder Blut als möglieh hin, erkamite aber ihre 
Zweifelhaftigkeit an; die Zellbildung aus freiem, flüssigen Bla- 
stem vermochte er nicht mehr anzuerkennen *^) Im April 1855 
formulierte V i r c h o w die Lehre von der pathologischen Genera- 
tion in dem klassischen Worte : „Oninis cellula e 
cellula""). 



— 14 — 

Damit war das grosse Prinzip für alle Zeiten festgelegt, dass 
ebenso wie in der Geschichte der ganzen Organismen, so auch 
in den einzelnen Teilen das Leben sich nicht diskonti- 
nuirlich fortsetzt, sondern nur durch „legitime Succession 
der Zellenbildungen" "). 

Ebenso wie es keine Urzeugung lebender Wesen aus leblosen 
Substanzen gibt, so auch keine Entstehung lebender Zellen aus 
Blastemen. Alle pathologische Neubildung ist nur Umbildung 
der normalen lebenden Bestandteile des Körpers. So war denn 
das letzte Bollwerk gefallen, welches sich noch immer zwischen 
den normalen und pathologischen Lebens vergangen scheinbar 
unübersteiglich aufgetürmt hatte. 

Die Zelle war als das „vitale Element" erkannt, 
dessen Leistungsfähigkeit sich nach dem Zustand seiner mole- 
kularen Zusammensetzung änderte; alle Krankheiten lösen sich 
zuletzt in aktive oder passive Störungen grösserer oder kleinerer 
Summeji dieser Elemente auf. Die Einheit in dieser Vielheit er- 
blickte Virchow in der Verbindung der einzelnen Teile unter 
einander durch Vermittlung der Nerven, der Blutgefässe und den 
unmittelbaren Zusammenhang. So wurde als Grundlage der 
medizinischen Anschauungen die Zellularpathologie 
gefordert **). 

Einen der wichtigsten Bestandteile der neuen Lehre bilden 
die Begriffe der „Reizung und Beizbarkeit" der Zellen, 
die bereits bei Gelegenheit der „parenchymatösen Entzündung" 
angedeutet wurden. Die Irritabilität H a 1 1 e r s, die sich nur auf 
die kontraktilen Elemente bezog, die aber schon früher von 
Glisson und später von John Brown als allgemeine Eigen- 
schaft des lebendigen hingestellt worden war, wurde von Vir- 
chow als eine den Zellen und ihren Derivaten eigentümliche 
Erscheinung betrachtet, 

„Die Reizbarkeit ist, vom Standpunkt der zellularen Theorio 
aufgefasst, eine Eigenschaft imd demnach ein Kriterium jeder 
lebenden Zelle und jedes lebenden Zellderivates, nicht bloss ein- 
zelner bevorzugter oder höher organisierter Teile, wie etwa der 
Nerven, der Muskeln oder des Eies. Diese Eigenschaft äussert 
sich dadurch, dass das lebende Element (die vitale Einheit) durch 



— 15 — 

Einwirkungen, welche ihm von aussen, d. h. entweder von anderen 
Elementen oder Teilen desselben Organismus, oder von ganz 
fremden Körpern her zukommen, zu gewissen Tätigkeiten 
(Aktionen, Reaktionen) bestimmt werden kann"'^) 

V i r e h o w unterschied zunächst eine funktionelle 
und eine nutritive Tätigkeit als Effekt eines Reizes, "als drittes 
fügte er später noch die formative Reizung hinzu, und 
zwar sollten diese drei Aeusserungen der Zelltätigkeit drei ver- 
schiedenen Graden der Erregung entsprechen; eine noch stärkere 
Reizung sollte die Abtötung zur Folge haben. 

Die Begründung der Zellularpathologie ist die wissenschaft- 
liche Grosstat Virchows, die auf dem Boden Würzburg reifte, 
und die seinen Namen in den weitesten Kreisen bekannt machte. 

Im Glänze dieser Errungenscliaf t kehrte Virchow im 
Herbst des Jahres 1856 nach dem Tode Heinrich v. Meckels 
an seine alte Arbeitsstätte nach Berlin zurück, um das neu ge- 
gründete Ordinariat für pathologische Anatomie und ein neues, 
wenn auch noch sehr dürftiges Institut zu übernehmen ''^). 

Hier war es, wo Virchow in einem Kreise von Aerzten 
im Anfang des Jahres 1858 20 Vorträge über die Zellular- 
pathologie hielt, die in einem anspruchslosen Bändehen der 
Oeffentlichkeit übergeben wurden*'). 

Wurde die neue Lehre von einem grossen, wohl dem grössten 
Teil besonders des jüngeren medizinischen Publikums mit Be- 
geisterung aufgenommen, so fehlte es doch keineswegs an be- 
achtenswerten Gegnern, die mit ihrem Urteil nicht zurückhielten, 
darunter in erster Linie die Herausgeber des Archivs für physio- 
logische Heilkunde. 

Griesinger unterzog die Zellularpathologie einer schar- 
fen, aber im wesentlichen sachlichen Kritik, die die schwachen 
Seiten der neuen Lehre, besonders die neue Auffassung von der 
Entzündung beleuchtete. Virchow blieb ihm und anderen 
Kritikern die Antwort nicht schuldig ^). 

Der nimmer ruhende Fortschritt der Wissenschaft hat seit- 
dem so manchen Stein von dem prächtigen und kühnen Gebäude 
hinweggenommen, aber auch so manchen neuen hinzugefügt. 
Die verfeinerten Untersuchungsmethoden haben tiefere Einblicke 



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in die Struktur und das Leben der Zellen gestattet, als man da- 
mals ahnen konnte; die Entdeckung der feinsten Nervenendi- 
gungen hat uns gelehrt, die Autonomie der Zellen wesentlich ein- 
zuschränken, und wenn für uns auch heute noch nicht „ein ein- 
ziger Mittelpunkt existiert, von dem aus die Tätigkeiten des 
Körpers in einer erkennbaren Weise geleitet werden" **), so wissen 
wir doch, dass die Emährungsvorgänge in allen Geweben durch 
nervöse Einflüsse in viel höherem Masse beherrscht werden, als 
man damals annahm. Auch manches andere musste einer besse- 
ren Erkenntnis weichen. Schon im Jahre 1867 erfuhr die V i r - 
c h o w sehe Entzündungslehre eine gewaltige Erschütterung 
durch seines genialen Schülers Julius Cohnheim Entdeckung 
von der Auswanderung der farblosen Blut- 
körperchen, durch welche die vaskuläre Entzündungslehre 
mit der Exsudatbildung wieder zu Ehren kam, die Rolle der Ge- 
webszellen dagegen anfangs über Gebühr zurückgedrängt wurde. 
Es ist bekannt, dass in der späteren Entwicklung dieser Lehre 
wiederum Vieles von den ursprünglichen Ansichten Virchows 
über die Beteiligung der Gewebszellen bei den Entzündungspro- 
zessen als zutreffend anerkannt wurde. Die vielbekämpfte Lehre 
von der Reizbarkeit der Zelle — oder wie wir jetzt allgemeiner 
sagen, des Protoplasma — gehört heute zu den unbestrittenen 
Grundlehren der Physiologie, ebenso wie der Pathologie, wenn 
auch bezüglich ihrer Anwendungen in etwas eingeschränkterem 
Masse als es den Vorstellungen Virchows entsprach. Mag es 
sein, dass die Zellenlehre noch nicht die letzte Formel ist, in der 
die Vorstellungen von dem normalen und dem pathologischen 
Leben zusammcngefasst werden können, mag ein grosser Teil 
der der neuen Lehre zu Grunde liegenden, an sich ausgezeichne- 
ten Beobachtungen für uns eine ganz andere Bedeutung erhalten 
haben, so wird doch die Zellularpathologie stets einer der wich- 
tigsten Marksteine in der Entwicklung der modernen Medizin 
bleiben, eine mivergängliche Tat, die die Pathologie von den 
letzten mittelalterlichen Schlacken einer einseitigen humoralen 
Lehre läuterte. Aber erinnern wir uns daran, dass es in der 
Wissenschaft keinen Stillstand gibt! 



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• • • • 



— 17 — 

Bei einer so lange andauernden Lebensarbeit, wie diejenige 
Virehows, der schon in jungen Jahren fast das ganze Gebiet 
der Pathologie mit einer unvergleichlichen Intensität umfasste, 
ist es natürlich, dass so manches wissenschaftliche Ergebnis, 
welches für seine Zeit einen grossen Fortschritt darstellte, in 
späteren Jaliren als veraltet erschien. Es war aber eine Eigen- 
tümlichkeit in Virehows Charakter, dass er mit einer seltenen 
Konsequenz, um nicht zu sagen Zähigkeit, das einmal für richtig 
Erkannte festhielt und zum Teil mit grosser Schärfe gegen 
neuere Ansichten verteidigte. Keineswegs ist dies so aufzu- 
fassen, dass V i r c h o w sich gegen spätere bedeutende Errungen- 
schaften ablehnend verhielt; den tatsächlichen, wahren Fort- 
schritt wusste er meist mit klarem Verständnis zu würdigen. Sein 
Standpunkt war: „Prüfet Alles und das Beste behaltet". Mag 
ihn hier und da die Skepsis zu weit geführt haben, wer wollte 
ihm das so sehr verargen: Hatte er doch oft genug erlebt, dass 
so manche als bahnbrechend proklamierte Entdeckung in Nichts 
zusammenfiel, oft genug, dass vieles mit neuen künstlichen Hilfs- 
mitteln Erforschte nicht viel mehr zu Tage förderte, als was er 
selbst schon längst erkannt hatte. 



War Virehows wissenschaftliche Tätigkeit in Würzlmrg 
eine ganz ungemein reichhaltige gewesen, so steigerte sie sich in 
Berlin zu einer geradezu unbegreiflichen Höhe. 

Neben der pathologisch -anatomischen Arbrnt, von der die 
Bände seines Archivs und zahlreiche Einzr-lwerkf? Zf-ugnis ab- 
legen, nahm die Anthropologie einen immer bn^iten-n 
Kaum ein (betrug doch die Zahl der einzelnen Publikationen auf 
diesem Gebiete allein nicht sr_-ltr,*n 40 — 50 im Laufe i\u(i^ Jahres!). 
Dazu kamen eingehenrje ^•f's^^-hir-ht liehe Sturiicn üIk-p Kpirlr-niio- 
logie, ansteckende Krankheitr-n CSyphili-^, Aus.'-atz) und Kranken- 
hauswesen, selir umfass^-nrle l^eintungen im Gebiete ih-r «"»fff-nt- 
lichen Gesundheitspflege, U-Ahi im Oienstf; dr-s St^atr-s. 
teils der Stadt Berlin, Hr>wie T>f;gutaehtungen für au-^wärti^^- 
Städte**). Das gr^^söe Wf^rk der I^;rliner Kanalisation, mit 
seinen langjährigen Vorb^*rrntungc;n, Mühen und Kämpfen, ^-'i 



— 18 — 

hier nur kurz enviihnt. Die beiden Bände der ».Gesammelten Ab- 
handlungou aus dem Cxobiete der ötfentlichen Medizin und der 
Seuchonlolire" pelx^n uns Kunde von diesem Teil seiner Tätigfkeit. 
A'oben diesen Arl>eiten, neben Vorlesungen, Kursen und endlosen 
Prüfungen ging die andauernde Mitwirkung in der städtischen 
Verwaltung, die langjährige aufreibende politische Tätigkeit im 
preussiselien Abgeonlnetenliause und im Reichstage einher. Und 
doch fand V i r c h o w nooli die Zeit zur Herausgabe populärer 
Schriften, zu Vorträgen in Handwerker- und Fortbildun^- 
vereinen, zu hoohboiloutonden K*xlen in den Versanunlungen 
deutscher Xaturforsc»her und Aerzto, sowie bei anderen feier- 
lichen Anlässen, zur andauennlen Tx^itung wissenschaftlicher Ge- 
sellschaften und endlich zu ausgedehnten Studienreisen, die auch 
an die körix^rlieho Leistungsfähigkeit hohe Anforderungen 
stellten. 

Im Kriege 1870/71 sehen wir V i r c h o w in hingebender 
Tätigkeit für die Verwundeten und Kranken an der Spitze eines 
Sanität.^zuges und in der Verwaltung des städtischen Baraeken- 
lazaretts. 

Das Jalir 1874 brachte seine Ernennung zum Mitgliede der 
Akademie der Wissenschaften, das Jahr 1892 seine Wahl zum 
Kektor der Universität. 

Hier können imr einigi> der llauptarbeitsgebiete aus V i r - 
(ihows Berliner Zeit Erwähnung linden; vor allem das grosse 
Werk ülxn* die krankhaften Ct e s c h w ü 1 s t e, ^velches in 
dersellHni Zeit entst^nid, in der die politischen Wogen am höchsten 
gingen '') ; eine durchaus neue Sch(')pf ung, die glänzendste Dar- 
st(*llung (li^ fast unal>sehba n^n Gebieti»s der Pathologie, welches 
vorher, trote wertvoller Vorarbeiten von Virchow selbst und 
andertMi, noch in fast chaotischer Verwirrung lag. Die Fülle der 
eigcMien Beobachtungen, in Verbindung mit der eingehenden Be- 
rücksichtiginig einer enormen und noch dazu sehr verstreuten 
Literatin*, die Khirheit der Darstellung von einem hohen Stand- 
punk t«^ aus, lasa<^n das Werk als einzig in seiner Art und als die 
(irnndlag(^ allcsr späterem Forschung erscheinen. 

Und doch hat auch auf diesem Gebiete so manches neueren 
Ansi'hauungen weichen müssen; ich erinnere an die ganz ver- 



— 19 — 

änderte Deutung der tuberkulösen, der syphilitischen Neubil- 
dungen. Virchows eigentümliche Auffassung der k r e b s i - 
gen Geschwülste, die in ihren Anfängen noch auf die 

• 

erste Jugendarbeit zurückgehen, war durch spätere wichtige 
Untersuchungen (Thierse h, Waldeyer) erschüttert ; es 
mag sein, dass unter dem Eindruck dieses Konfliktes die Heraus- 
gabe des Schiusabandes des groeeen Werkes unterblieben ist. 
Virohow selbst hat seine ursprüngliche Anschauung von der 
Entstehung der epithelialen Krebszellen aus den Bindegewebs- 
zellen nie ganz aufgegeben *"). 

Die Umwandlungsfälligkeit der Gewebe, die „Metaplasie", 
die Veränderung des Gewebscharakters bei Persistenz der Zellen, 
war eine Frage, die Virchow auch noch in späteren Jahren 
viel beschäftigte. Er wählte sie zum Gegenstand eines Vortrages 
auf dem internationalen Kongress zu Kopenhagen, sowie einer 
in London gehaltenen Eede, mit weiteren Ausblicken auf die 
Transformation der Individuen"). 

Hervorragendes Interesse wandte Virchow der Er- 
forschung der tierischen und pflanzlichen Parasiten zu. Ich er- 
innere an die Entdeckung der Aspergillusmykose der Lungen **), 
an diejenige des Echinococcus multilocularis, der 
noch von Buhl als AlveolarkoUoid der Leber beschrieben war *^). 

Als Zenker zuerst die Auffindung zahlloser Muskel- 
trichinen als Ursache einer tödlichen Erkrankung gelungen war, 
wandte sich Virchow mit der gewohnten Intensität der Er- 
forschung dieser wichtigen Parasiten zu. Er war es, der zuerst 
die Entwicklung der geschlechtsreifen Trichinen im Darm und 
die Einwanderung der Embryonen in die Sarkolemmscliläuche 
nachweisen konnte. Mit Eifer verfolgte er die aus diesen Ent- 
deckungen sich ergebenden Konsequenzen für die öffentliclic Ge- 
sundheitspflege *^), 

Dass Virchow der immer mehr zur Herrschaft gelangen- 
den Lehre von der belebten Natur der Ursache der In- 
fektionskrankheiten — eine Name, der von ihm selbst 
herrührt — das grösste Interesse entgegenbrachte, ist selbstver- 
ständlich. Halte er doch von jeher die epidemiologischen Erschei- 
nungen mit grösstem Eifer verfolgt und die kontagiösen Tier- 

2» 



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— 20 — 

krankhoitfm (Zoonoßon) in seinem Handbuch bearbeitet — ein 
Jalir iK'Vor P o 1 1 <? n (\ o r und B r a u e 1 1 die Milzbrandstäbchen 
«nffandcii. Das längst jreahnte Contagium animatum, dessen 
wirklirlu; Kxistenz zuerst Henle (1840) mit logischer Schärfe 
vorauMgt^Hagt hatte, nahm immer festere Gestalt an, bis schliess- 
lich, um mitVirchows eigenen Worten zu reden, L. Pasteur 
(h|iv?h W'ine sr>rgfältigen Exi)erimente „die endgültige Lösung für 
daH ganzer Clebiet der mikroparasitären Vorgänge gab""). Unter 
Vi r c h o w s eigf?iuni Augen geschah im Jahre 1873 die hoch- 
wir-htigf' Kntdffkung der Kekurrens-Spirochäto durch den Assi- 
HUiutaii an d<jr von ihm geleiteten Gefangenenabteilung der 
C'harit/, r)tto Obijrmoior, der kurze Zeit darauf seinem 
TorwrlHsn^ifor zujri Opfer fiel.*^) Wohl war V i r eho w auch auf 
di^iwtn (U'\}UiUi <U^r vorsichtige, mit seinem Urteil zurückhaltende 
Kritik'rr. Mit welcher Sicherheit er aber frühzeitig die bei der 
Wirkung (Ut zum Teil noch hypothetischen Infektionserreger in 
IW'tra/'lit, korrirnenrlcn M^iglichkeiten entwickelte, und wie er sich 
\}t:ri'\iH HarrialH für iVut Abs^mderung bestimmter, vom Bakterien- 
körp<T iHfAUirhiiri'i- (J i f tstof f e ont.schied, lehrt die hochwich- 
tige lU^U: iUM-r die Fortschritte der Kriegsheilkunde aus dem 
Jahnr 1H74''). 

I)aH, wovor V i rcho w warnte, war der von manchen Seiten 
unU^rnornrncne Versuch, die Wlebte Ursache der Infektions- 
kninkh^'itcfi tnii dem Krankheitswesen zu identifizieren, und 
hicraiiH AngrifTe geg(jn die Zellularpathologie herzuleiten*"). 

Aiihnliche Jic<lenken wanm es, die V i rchö w anfangs gegen 
die letzte grosse« Krrungensehaft auf diesem Gebiete, die 
S (' r u ni t, h (• r a p i c, etwas zurückhaltend machten. Die humo- 
rahj Auffassung der im Köri>er vor sich gehenden Prozesse er- 
regt(f Hcflcnken, die? erst durch deren Zurückfiihruiig auf ver- 
änderte Zelltütigkeiten beseitigt wurden *'). 

Von gjinz iKiSfmderer Wichtigkeit war die Stellung V i r - 
f, h () w s zu d(»rjenigen Erkrankung, deren ansteckender Cha- 
raküT (srst verhältnismässig spät, nach mannigfachen Wande- 
lungen mit Sicherheit erkannt wurde, der Tuberkulose**). 
Es ist bekannt, dass V i r c h o w an Stelle der alten Laennec- 
s(^hen Tx^hrc von der Einheit der Tuberkulose und Skrofulöse 



— 21 - 

die Treniiuug der echten, knötcheiibildendeii Tuberkulose von den 
zur Verkäsung führenden Entzündungen durchzuführen suchte, 
eine Trennung, die, in Deutschland wenigstens, infolge der 
grossen Autorität ihres Urhebers eine fast allgemeine Anhänger- 
schaft fand. V i r c h o w begründete diese Trennung mit der 
anatomisch-histologisohen Verschiedenheit der Prozesse, und 
darin hat ihm auch die spätere Forschung zum grossen Teil 
Recht gegeben. Es zweifelt niemand daran, dass neben den 
knötchenbildenden Prozessen mehr diflFuse, in Verkäsung über- 
gehende Entzündungen vorkommen, die von jenen histologisch 
durchaus verschieden sind. Dennoch konnte es nicht entgehen, 
dass auch TJebergangsformen vorkommen; das Vorhandensein eines 
inneren Zusammenhanges der histologisch so verschiedenen Dinge 
fand besonders in der Lehre von Dittrioh und später von 
Niemeyer einen bestimmten Ausdruck. V i r c h o w hielt 
diese Auffassung für unannehmbar, obwohl er selbst eine gewisse 
nähere Verwandtschaft zwischen Skrofulöse und Tuberkulose 
nicht in Zweifel zog und sogar die Infektiosität der echten 
Tuberkulose innerhalb des Körpers — ähnlich wie bei einer 
malignen Neubildung — selbst hervorhob. 

Wenn wir nun sehen, dass in dem Gesohwulstwerke die 
Skrofulöse und die Tuberkulose vollständig getrennt von 
einander unter den „lymphatischen Geschwülsten", die Perlsucht 
des Rindes als am meisten dem Lymphosarkom nahestehend, der 
Lupus aber unter den Granulationsgeschwülsten (neben Rotz und 
Syphilis) aufgeführt werden, so können wir uns der Einsicht 
nicht verschliessen, dass die anatomische Methode, selbst in der 
Hand des grössten Meisters, sich hier als nicht ausreichend er- 
wiesen hat. Das Experiment lehrte zuerst zweifellos den 
ätiologischen Zusammenhang jener so verschieden erscheinenden 
Zustände. Nachdem durch Kochs berühmte Entdeckung der 
bestimmte Nachweis der infektiösen Ursache der tuberkulösen 
Erkrankungen erbracht war, verschloss sich auch V i r c h o w 
nicht der Anerkennung dieser Tatsache, ohne jedoch daraus die 
vollen Konsequenzen bezüglich der Deutung der anatomischen 
Verschiedenheiten zu ziehen. 



— 22 — 

An clor neuordinj^H wieder aktuell gewordenen Frage von der 
ätiolofrisclufii Identität der Perlsucht und Tuberkulose hat auch 
Virchow tätigen Anteil genommen; eine seiner letzten Mit- 
tini ungeu hatte diese Frage zum Gegenstand, und zwar konnte 
V i r c h o w hierlx^i — nicht ohne Genugtuung — seine ursprüng- 
liche Ansicht von der Verschiedenheit beider auf Grund der 
Fütt<fruiigsvcrsuche nur bestätigt finden*"). 

Das Bild Virchows als pathologischer Anatom würde 
sehr unvollständig sein, wenn ich nicht mit einem Worte des 
stauiK^nswcrten Fleissee gcxlächte, mit dem Virchow im Laufe 
W'iner langjährigen Wirksamkeit im Berliner Institut die reich- 
halti^stfj pathologisch-anatomische Sammlung der Welt schuf. 
Wer jK>ch in (lc?r Lage war, in den 60 er Jahren Zeuge zu sein, 
mit welcher ixjrsönlichen Mühewaltung der so vielfach in An- 
spruch genomnwjne Mann sich in den dürftigsten räumlichen Ver- 
hältniss<5n die Sorge für die Herstellung und Aufbewahrung der 
zahllosen Präparate angelegen sein Hess, deren lateinische Auf- 
schriften grr>ssten teils seine schwer zu entziffernden Schriftzüge 
trugen, (k;r vermag die Summe der Arbeit einigermassen zu 
schätzen, die dazu gehörte, die Sammlung auf ihre jetzige Höhe 
(von ca. 23 000 Nummern) zu bringen. Es war eine glückliche 
Fügung, dass der greise Gelehrte noch das lang erstrebte Ziel er- 
lcb<.*n durfte, dieses sein Lieblingskind in angemessenen Räumen 
untergebracht zu sehen, und geradezu rührend war die innige 
Freude, bewundernswert die Ausdauer, mit der er nicht müde 
wurde, seine reichen Schätze anderen zugänglich zu machen ^). 



lieber die Bedeutung der EinzeKorschungen erheben sich 
die allgemeinen biologischen Grundanschau- 
ungen! Bei einem philosophisch angelegten Geist, wie der 
Virchows, der schon in jungen Jahren überall in der Erschei- 
nungen Flucht die Beziehung zum allgemeinen suchte, der 
über staunenswerte Kenntnisse auch auf fernliegenden Gebieten 
dee Wissens verfügte, ist es von grossem Interesse, diesen allge- 
meinen Anschauungen nachzugehen. 

Virchow hat oft Gelegenheit genommen, sich darüber zu 
Husscrn, sowohl in den mehrfach erwähnten Aufsätzen in seinem 



— 23 — 

Ardiiv, als in öffentlichen Vorträgen, besonders auf den Ver- 
sammlungen deutscher Naturforscher und Aerzte; gehörten doch 
viele Jahre hindurch die V i r c h o w sehen Reden zu den Glanz- 
punkten jener Versammlungen! 

Wohl hörte man zuweilen einen gewissen Tadel laut werden, 
dass, besonders in späteren Jahren, der Redner die Neigung 
hatte, von seinem Gegenstand abzuschweifen. Es fehlte dem 
Vielbeschäftigten oft an Zeit zur Vorbereitung! Aber die Fülle 
der Gedanken, die ihm zuströmte, die bewundernswerte Fähigkeit, 
für diese Gedanken sofort einen geistvollen Ausdruck zu finden, 
machten seine Ausführungen zu einer reichen Quelle der An- 
regung und des Genusses. Waren doch nicht wenige dieser Reden, 
die fast im Ton leichter Unterhaltung gesprochen wurden, Kund- 
gebungen von hoher Bedeutung! Es war der Zauber der un- 
mittelbaren Produktion, der Zauber der ganzen Persönlichkeit, 
der die Hörer bannte ! 

Sprach V i r c h o w vorbereitet, wie bei besonders feierlichen 
Gelegenheiten, so waren seine Reden sprachlich und inhaltlich 
Musterleistungen ! Ich erinnere an die herrlichen Reden zum An- 
denken an Joh. Müller und Lukas Schönlein, die über 
Infektionskrankheiten und so viele andere. 

Virchow nannte sich selbst einen Vitalisten; er 
war Anhänger einer „Lebenskraft" zu einer Zeit, als ein gewisser 
Mut dazu gehörte, dies öffentlich auszusprechen. Man hat ihm 
das manchmal verdacht, ja ihn der Inkonsequenz beschuldigt, 
doch nicht mit Recht"). Ein Forscher von der Vorurteils- 
losigkeit eines Virchow konnte selbstverständlich nicht die 
personifizierte Lebenskraft, den Spiritus rector, die Anima, als 
etwas über der materiellen Natur des Organischen Stehendes 
im Sinne haben; aber, wie er sagte, „man muss doch einmal 
die naturwissenschaftliche Prüderie aufgeben, in den Lebens- 
vorgängen durchaus nur ein mechanisches Resultat der den kon- 
stituierenden Körperteilen inhäriercnden Molekularkräfte zu 
sehen" ''■). 

„Das sinnlich wahrnehmbare Resultat der Lebenskraft im 
Sinne des Naturforschers ist die Z e 1 1 e n b i 1 d u n g" mier, wie 



— 24 — 

wir sagen würden, die Kern- und Protoplasmastruktur. Das 
Leben ist nach V i r e h o w ausschliesslich an die Zellen ge- 
bunden, während den Interzellularsubstanzen eine eigene Lebens- 
tätigkeit nicht zukommt. 

„Diese besondoro Art der Bewegung oder Tätigkeit über- 
trägt sich kontinuierlich von einem Element auf das andere, 
ohne je neu zu entstehen, muss also verschieden sein von den- 
jenigen physikalisch-chemischen Kräften, die beständig in dem 
lebendigen Element ebenso wie in der anorganischen Umgebung 
wirken." 

Dennoch erklärt sich V i r c h o w ausdrücklich für die 
Wahrscheinlichkeit eines mechanischen Ursprungs des 
Lebens; aber, fügt er an anderer Stelle hinzu, „das Leben wird 
immer etwas besonderes bleiben, wenn man auch bis ins klednste 
Detail erkannt haben sollte, dass es mechanisch erregt und mecha- 
nisch fortgeführt sei" ^). 

Während V i r c h o w somit die Möglichkeit eines mecha- 
nischen Verständnisses der Lebensvorgänge zulässt, und sich 
dadurch von manchen !Neovitalisten unterscheidet, die ihn gern als 
einen der Ihrigen in Anspruch nehmen, betrachtet er — gleich 
Dubois-Keymond — das Bewusstsein als der Natur- 
forschung, wenigstens vorläufig, nicht zugänglich "). 

Die Kontinuität des Lebens als das wichtigste 
Prinzip der Pathologie, die Bedeutung der Vererbung wurde 
von V i r c h o w bis in seine letzten Jahre mit Vorliebe zum 
Gegenstand von Erörterungen und Reden gemacht. Er erkannte 
die Verorbbarkeit erworbener Eigenschaften 
bis zu einem gewissen Grade an, indem er gegen W e i s m a n n 
das Auftreten der Variation auf äussere Einwirkungen zurück- 
führte, ja sogar Rassenbildung auf Grund pathologischer Stö- 
rungen zuliess. „Eine erbliche Variation muss einmal durch 
eine Causa externa entstanden sein", sagt V i r c h o w, wie mir 
scheint, mit vollem Recht, denn es gibt tatsächlich keine andere 
kausale Erklärung für die Entstehung einer Abweichung von dem 
so streng gesetzmässigen Gang der normalen Entwicklung ^'). 

Da aber die Individuen stets bis zu einem gewissen Grade 
veränderlich sind, so sind es auch die Arten, die doch aus 



— 25 — 

Individuen bestehen. Man hat V i r c h o w vielfach als Gegner 
des Darwinismus, ja sogar der Deszendenzlehre im allgemeinen 
bezeichnet, doch nicht ganz mit Recht, wenn er auch nicht auf- 
hörte, die Abstammungslehre als Hypothese zu bezeichnen, und 
zudem nicht immer deutlich zwischen Deszendenz, Selektion und 
Transformismus unterschied. 

„Ich habe als Freund und nicht als Gegner des Transformis- 
mus gesprochen, wie ich zu allen Zeiten dem unsterblichen 
Darwin freundlich und nicht gegnerisch gegenüber getreten 
bin", sagte Virchow in seiner Wiesbadener Eede, indem er 
allerdings den Unterschied zwischen Freund einer wissen- 
schaftlichen Hypothese und Anhänger hervorhob ^). Vir- 
chow war ein entschiedener Verteidiger einer fortschreitenden 
Entwickelung und Vervollkommnung des Menschengeschlechtes 
und dementsprechend verschloss er sich auch nicht der Konse- 
quenz bezüglich der Abstammung höherer Formen von niederen. 

In seiner berühmten Münchener Eede, die Virchow 
so viele Anfeindungen von Seiten der Naturforscher und anderer- 
seits so manches Missverständnis von Seiten der Vertreter der 
positiven Richtungen eingetragen hat, erkennt Virchow offen 
„als Desiderat der Wissenschaft" den Zusammenhang des Men- 
schen mit der übrigen Tierreihe an, wenn auch nicht mit den 
Affen, so doch vielleicht an anderer Stelle"). 

Dennoch verhielt sich Virchow bis in die letzte Zeit 
seines Lebens durchaus ablehnend gegen die Annahme von 
paläontologischen Uebergangsformen zwischen dem heutigen 
Menschen und niederen Entwicklungsstufen trotz der an Zahl 
und Verbreitung immer zunehmenden Funde, vom Neandertaler 
Menschen bis zum Pithekanthropos. 

Wie die Pathologie Virchow zur Anthropologie hin- 
geführt hatte, so Hess er auch bei der anthropologischen For- 
schung die pathologischen Beziehungen nicht aus den Augen. 
Ich erinnere hier nur an die mit Vorliebe von ihm gepflegte 
Untersuchung lebender menschlicher Missbildungen, die er bei 
jeder sich darbietenden Gelegenheit anthropologischen und ärzt- 
lichen Kreisen mit lichtvollen Erläuterungen vorführte. War 
seine Untersuchungsmethode durch die stete Beschäftigung mit 



— 26 — 

der Pathologe zweifellos geschärft, so beförderte wohl anderer- 
seits der g-leiehe Umstand die Neigung zu allzu skeptischer Be- 
urteilung anthropologischer Funde, durch die sich Y i r c h o w, 
besonders in den letzten Jahren, in recht scharfen Gegensatz zu 
der jüngeren anthropologischen Richtung brachte. 

Efl würde über den Zweck dieses Vortrags und weit über 
mein Können hinausgehen, wollte ich versuchen, auch nur einen 
Ueberblick über die enorme Arbeitsleistung Virchows auf 
anthropologischem und prähistorischem Gebiete hier anzu- 
schliessen. Anderen bleibe es vorbehalten, diese Seite der Tätig- 
keit des wunderbaren Mannes zu schildern, die allein ausgereicht 
haben würde, das Leben mehrerer Gelehrten auszufüllen. 



So liegt nun dieses reiche Leben jetzt abgeschlossen vor 
uns! Das Auge, welches so scharf beobachtete, ist für immer 
geschlossen, der Mund, dessen Worten wir so oft lauschten, ist 
verstummt. 

Blicken wir zurück auf das, was von der Lebensarbeit dieses 
einen Mannes auf dem für uns am nächsten liegenden Gebiete 
hier nur kurz angedeutet werden konnte, so erfüllt uns wieder 
und wieder das Gefühl der Bewunderung! Mögen manche seiner 
zahllosen Entdeckungen, manche seiner Ansichten im Laufe der 
Zeit einer besseren Erkenntnis weichen müssen, die machtvolle 
Persönlichkeit, die am meisten dazu beigetragen hat, die Patho- 
logie des 19. Jahrhunderts auf ihre jetzige Höhe zu erheben, wird 
fortleben in allen Zeiten! 

Wir, denen es vergönnt war, uns mittelbar oder unmittelbar 
seine Schüler nennen zu dürfen, erinnern uns mit Dankbarkeit, 
das« alles Neugeschaffene in der Wissenschaft sich auf dem auf- 
baut, was wir selbst übernommen haben. 

Mr)ge auch die jüngere Generation in dem Lebenswerk dieses 
Mannes einen Ansporn empfinden, um in der kurzen Spanne des 
lycbeiis die dargebotenen Schätze des Wissens und der Erkennt- 
nis in sich aufzunehmen und nach Kräften zu mehren. 

Scientia ei^t Potentia! 



— 27 — 



Anmerkungen. 

*) Rudolf Ludwig Karl V 1 r c h o w, geboi'ou am 13. Ok- 
tober 1821 zu Schivelbein in Hinterpommern, wo sein Vater ein 
kaufmännisches Geschäft betrieb. — Weitere biographische Notizen 
finden sich bei Becher: Rudolf V i r c h o w, eine biographische 
Studie. Berlin 1891. — Ich vei-weise ferner auf die sehr dankens- 
werte V i r c h o w - Bibliographie 1843 — 1901, herausgegeben von 
Schwalbe, Berlin 1901. — Noch fast kindlich naiv, aber doch 
von tiefem sittlichen Ernst zeugend lautet der zum Abiturienten- 
examen auf dem Gymnasium zu Köslin (Ostern 1839) verfasste 
Aufsatz („Ein Leben voll Arbeit und Mühe ist keine Last, sondern 
eine Wohltat"), den man nebst dem Lebenslauf nicht ohne Rührung 
lesen konnte, als er zur Feier des 80. Geburtstages der Vergessen- 
heit entzogen worden war. — Den Grund zu der universellen Bil- 
dung, die man später so oft bei V i r c h o w zu bewundem Gelegen- 
heit hatte, legte er bereits in seiner Schulzeit; seine grosse Neigung 
und Befähigung zu historischen Studien kommt u. a, darin zum 
Ausdruck, dass er während seiner Studienzeit eine Chronik seiner 
Vaterstadt schrieb, die nach neueren Mitteilungen 1846 erschien. 

^) Robert F r o r i e p gab im Jahre 1846 seine Stelle auf, um 
nach Weimar zu gehen. Ueber V i r c h o w s Verhältnis zu 
Schönlein und dessen Rolle bei der Besetzung der Prosektur 
durch V i r c h o w siehe dessen Gedächtnisrede auf Lukas Schön- 
lein, Berlin 1865, Anm. 54, S. 91. 

') Schwann: Mikroskopische Untersuchungen etc. Berlin 
1839. Die Hauptergebnisse waren bereits im Jahre 1838 in 
F r o r i e p s Neuen Notizen, No. 3, mitgeteilt worden. 

*) Das sogen. „M üllersche Gesetz*'; vergl. V i r c h o w: 
Archiv, Bd. I, S. 218. 

^) Joh. Müller: Ueber den feineren Bau und die Formen 
der krankhaften Geschwülste. Berlin 1838. — Den „mikroskopisch 
zelligen Bau mehrerer Geschwülste" erkannte M. bereits 1836; 
darunter bildete das Cholesteatom mit pflanzenartigen polyedrischen 
Zellen eine Parallele zu dem von M. zuerst beobachteten Zellenbau 
der Chorda dorsalis. 1. c, p. 3. 

") Vi rc ho WS scharfe Kritik der Rok i tan s k y sehen 
Krasenlehre, die begreifliches Aufsehen erregte, erschien in der 
Med. Zeitung des Vereins zur Heilkunde in Preussen, No. 48, 50. 
1846. (Abgedruckt bei Becher S. 46.) In der folgenden Auf- 
lage seines Werkes hatte R. bekanntlich seinen ursprünglichen 
Standpunkt vollkommen aufgegeben. Das erwähnte Urteil V i r - 
c h o w s über Rokitansky als pathologischen Anatomen findet 
sich in dem Aufsatz „Hundert Jahre allgemeiner Pathologie''. 
Berlin 1895. S. 25. 

') Vergl. Virchows Archiv, Bd. VIII, 1855, S. 37. 

*) Begründet wurde das Archiv für physiologische Heilkunde 
durch R o s e r und Wunderlich mit dem berühmten Programm 
„Ueber die Mängel der heutigen deutschen Medizin und über die 
Notwendigkeit einer entschieden wissenschaftlichen Richtung in 
derselben" August 1841. Griesinger hatte zwar das Pro- 
gramm nicht mit unterzeichnet, war aber doch bei der Abfassung 



— 28 — 

desselben mit seinem Uat tätig gewesen: s. die Biographie Grie- 
Singers von Wunderlich: Archiv für Heilkunde 1860. 
Später übernahm (j. die Redaktion des Archivs für einige Jahre. 

**) Keineswegs soll damit gesagt sein, dass V i r c h o w die 
Bedeutung des pathologischen Experimentes gering geschätzt habe; 
hatte er doch selbst Hervorragendes darin geleistet und seineu 
hohen Wert für die Pathologie bei mehrfachen Gelegenheiten, 
zuletzt in seiner Ix)ndoner Rede (1898) gegenüber unverstän- 
digen Angriffen verteidigt. Dennoch lag ihm die eigentliche ex- 
perimentelle Pathologie mit ihrer Methodik femer und er wünschte 
sie namentlich nicht als Unterrichtsgegenstand eingeführt zu 
sehen. Bekanntlich war es unter allen Schülern Virchows 
fast ausschliesslich C o h n h e i m, der die experimentelle Rich- 
tung verfolgte und darin so Grosses leistete. 

») Jakob Henle. geb. 1809, gab seit 1844 mit Pfeuffer 
die „Zeitschrift für rationelle Medizin** heraus. Das „Hai^dbuch 
der rationellen Pathologie** erschien von 1840 — 1853. — Der Streit 
zwischen V i r c h o w und Henle, der allmählich immer schär- 
fere Formen annahm, bezog sich hauptsächlich auf histologische 
Fragen, besonders die Natur der Bindegewebszellen. V i r c h o w 
bekämpfte die mehr spekulative Richtung der rationellen Patho- 
logie gegenüber der empirischen Pathologie und befand sich hierin 
In Uebereinstimmung mit den Vertretern der „physiologischen 
Heilkunde**. 

'") Reinhardt starb am 11. März 1852. S. Virchow: 
Erinnerungsblätter. Archiv, Bd. IV, S. 541. — Rudolf Leu- 
b u s c h e r gab Reinhardts „Pathologisch-anatomische Unter- 
suchungen** heraus; er starb 1861. — Arnold Mendelsohn, der 
Verfasser des „Mechanismus der Respiration und Zirkulation'*, 
Berlin 1845, ging der Wissenschaft verloren und starb früh. 

") Die ei-ste Arbeit über den Faserstoff stammt bereits aus 
dem Jahre 1845, die folgenden aus dem Jahre 1846 (s. die Gesam- 
melten Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medizin, 1856). — 
Die erste Mitteilung „über die Verstopfung der Lungenarterie'* 
erschien in Frorieps Neuen Notizen, Januar 1846; die weiteren 
Untersuchungen über denselben Gegenstand in Traubes Bei- 
trägen zur experimentellen Pathologie und Physiologie, 1846, 
Heft 2. Beide Arbeiten wurden mit späteren Untersuchungen 
über Thrombose, Embolie, Gefässentzündung und septische In- 
fektion in den Gesammelten Abhandlungen abgedruckt. 

") Die Probevorlesung vor der Fakultät handelte von der 
Entzündung der Muskeln; sie wurde zum Teil in der Arbeit über 
parenchymatöse Entzündung (Virchows Arch., Bd. IV, S. 262) ab- 
gedruckt. Die Habilitation (unter Joh. Müller) fand am 6. XI. 
statt; die lateinische Habilitationsrede hat der Verf. noch im 
Jahre 1898 der Vergessenheit entrissen (s. De ossificatione patho- 
logica, Virchows Arch., Bd. 151, S. 538. 

^') „Nisi qui liberalibus rebus fovent, veram medicinae indolem 
non cognoscunt.** 

") Mitteilungen über die in Oberschlesien herrschende Typhus- 
epidemie (Virchows Arch., Bd. II, 1848, S. 143—322) und Kritisches 
über den oberschlesischen Typhus (Virchows Arch., Bd. III, S. 154); 
hauptsächlich gegen v. Baerensprung, einen der politischen 
Gegner Virchows, gerichtet. Bezüglich der nosologischen Be- 
deutung der damaligen Epidemie hat v. Baerensprung, ein 
Schüler Krukenbergs, richtiger geurteilt als Virchow, 
der die Krankheit als „einfachen**, d. h, nicht mit Darmverände- 



— 29 — 

rungen komplizierten Typhus bezeiclinete und sich gegen die Kon- 
tagiositiit aussprach, v. B. erlclärte den Typhus exanthematicus 
als besondere „Spezies" und trat für die kontagiöse Entstehung 
ein (H a e s e r s Arch., Bd. 10). 

") Die medizinische Reform, eine Wochenschrift (Juli 1848 
bis Juli 1849) ; herausgegeben von R. V i r c h o w und R. L e u - 
b u s c h e r, später von ersterem allein. Darin u. a. Aufsätze über 
Volkskrankheiten, Cholera u. s. w. 

>«) S. Reform, S. 230, 250 u. 2G0. 

*') Vergl. die Abschiedsrede K ö 1 1 i k e r s beim Fortgang 
Virchows von Wtirzburg und Jahresbericht vom 6. Dez. 1850 
(Verhandl. d. phys.-med. Gesellsch. zu Würzburg, Bd. 7, 1857). 
S. auch A. Kölliker: Erinnerungen aus meinem Leben (Leipzig 
18Ö9, S. 36) und „Zur Erinnerung an Rudolf V i r c h o w: Anatom. 
Anzeiger 1902, No. 2 u. 3. 

") Die Identität von Knochen-, Knorpel- und Bindegewebs- 
köi'perchen, sowie über Schleimgewebe. Würzburger Verhandl., 
Bd. II, No. 10, 150. 1851. Weitere Beiträge. Daselbst, Xo. 20, 
S. 314. — Die Bindegewebsfrage. Virchows Arch., Bd. XVI, 1. 
V i r c h o w betrachtete die Knochen- und Bindegewebskörpercheu 
(Zellen und Zellenderivate) als anastomosierende Systeme, die mit 
Flüssigkeit gefüllt sind und die Ernährung der Teile vermitteln. 

*") Ueber parenchymatöse Entzündung. Virchows Arch., Bd. IV, 
1852, S. 261 u. 324: „Ich vindiziere also vor allem der Entzündung 
den degenerativen Charakter, und obgleich ich sie als 
eine Steigerung nutritiver Akte bezeichne, so erblicke ich in ihr 
doch kein Zeichen gesteigerter Kraft, sondern vielmehr den Aus- 
druck der Abnahme derselben, den Ginind der Verminderung und 
nicht selten vollständiger Vernichtung der Funktion des 
Teiles" (S. 324). In der Tat hat auch ein Teil der an sich aus- 
gezeichneten Beschreibungen, z. B. der „genuinen rheumatischen 
Muskelentzündungen", Veränderungen zum Gegenstande, die sich 
seitdem nach genauerer Erkenntnis ihrer Ursache als reine Ne- 
krosen herausgestellt haben (1. c. S. 270). Es ist bekannt, dass 
die neuere Pathologie alle diese Veränderimgeu degenerativen 
Charakters eben nur als solche betrachtet und von der Entzündung 
trennt (vergl. M a r c h a n d : Prozess der Wundheilung. Stuttgart 
1901, Kap. V). 

»0 1. c. Virchows Arch., Bd. IV, S. 282. 

^) R. Virchow: Ueber eine im (4ehirn und Rückenmark 
des Menschen aufgefundene Substanz mit der chemischen Reaktion 
der Cellulose. A'irchows Arch., Bd. VI. S. 135. 1854. — Weitere 
Mitteilungen über das Vorkommen der pflanzlichen Cellulose beim 
Menschen. Daselbst, S. 2<J8. — Zur Cellulosefrage. Daselbst, 
S. 416. Hier wird der Xame „Amyloid" zum erstenmal gebraucht 
(S. 421). 

^) Die Not im Spessart, eine medizinisch-geographische Skizze. 
Würzburger Verhandl. 1852, Bd. 111, S. 105. 

^) Ueber Kretinismus, namentlich in Franken, und über 
pathologische Schädelformen. Würzburger VerhaniU., Bd. II, 1851. 

— Ueber die Verbreitung des Kretinismus in Unterfranken. Würz- 
burger Verhandl., Bd. 111, 1852. — Ueber Kretinismus. Daselbst, 
Bd. VI. — Ueber die Physiognomie der Kretinen. Daselbst, Bd. VII. 

— Gesammelte Abhandl. z. wissenschaftl. Medizin, S. 930. 

") Zur Entwicklungsgeschichte des Krebses. Virchows Arch., 
I, S. 110. 1847. „Dies ist der Fundamentalsatz der Entwicklungs- 
geschichte, dass alles Bildungsmaterial formlos ist. ... Das form- 



— 31 - 

VerständigUDg. Daselbst, H. 3, S. 305. Vergl. auch die Medi- 
zinischen Gespräche aus dem alten Hellas (anouym von G r i e - 
Singer), Arch. f. physiol. Heilk., Bd. 2, 1858, S. 567, und V*ir- 
c h o w s Erwiderung, Virchows Arch., Bd. XV, S. 393. — Führer: 
Die Zellularpathologie. Arch. d. Heilk. 1859, 3. Heft, S. 357. 
Derselbe: In Sachen der Zellulaipathologie. Daselbst, H. 3. — 
Virehow: Die Zellularpathologie und die physiologische Heil- 
kunde. Virchows Arch., Bd. 16, S. 372. Derselbe: Die Kritiker der 
Zellularpathologie. Virchows Arch., Bd. XVIII, S. 1. Derselbe: 
Noch einmal das Arch. f. physiol. Heilk. Virchows Arch., 
Bd. XVIII, S. 126. — G. a: S p i e s s: Die Zellularpathologie im 
Gegensatz zur Humoral- und Solidarpathologie. Virchows Arch., 
Bd. VIII, S. 303. — II. V i r c h o w: Eine Antwort an Herrn Spiess. 
Virchows Arch., Bd. XIII, S. 481. — Von grossem Interesse ist das 
Urteil über Virehow und seine Richtung von W. R o s e r aus 
einer etwas früheren Zeit (1855) in einem Vortrag: „Die Patho- 
logie als Naturwissenschaft", nach dem Tode des Verfassers ver- 
öffentlicht (S. W. Roser: Ein Beitrag zur Geschichte der Chiinir- 
gie, von Karl R o s e r; Wiesbaden 1892): „V i r c h o w ist eine sehr 
glücklich ausgestattete Natur: originell, geistreich, rührig und 
lebendig, frei und gewandt im Schreiben und im Reden, ein ge- 
borener medizinischer Agitator" (S. 35j. 

"j Zellularpathologie, 1. Auflage, S. 255. Hier möge als Zeug- 
nis, wie Virehow selbst in späteren Jahren über die ursprüng- 
liche Zellularpathologie dachte, eine Stelle aus dem Aufsatz: „Der 
Stand der Zellularpathologie", Virchows Arch., Bd. 126, 1891, S. 8, 
folgen: „Es wäre vermessen, wenn ich behaupten wollte, alles das, 
was ich zum Aufbau der zellularpathologischeu Doktrin beige- 
bracht habe, sei unverbesserlich. Ich bin mehr als mancher meiner 
Nachfolger, von den Mängeln meiner ersten Ausführungen über- 
zeugt, und ich erkenne gern an, dass in manchen Richtungen, 
z. B. in der Kenntnis der karyokinetischeu Vorgänge, seitdem so 
grosse Fortschritte gemacht sind, dass dadurch ganz neue Gesichts- 
punkte gewonnen wurden. Aber ich finde auch bei unbefangenster 
Prüfung nicht, dass die neuere Forschung Gesichtspunkte ergeben 
hat, durch welche in der Grundlage der zellularpathologischen 
Anschauungen eine Aendeining herbeigeführt worden wäre." 

'") Auch das jetzige St. Jakobs-Krankenhaus in Leipzig ver 
dankt seine günstige Lage einem von V i r c h o w zusaminen mit 
C. Hasse erstatteten Gutachten. 

'^) Die krankhaften Geschwülste. 30 Vorlesungen, gehalten 
während des Wintersemesters 1862 — 1863 an der Universität Berlin. 
Bd. I 1863, Bd. II 1865, Bd. III 1867. 

>«) Die Zellularpathologie. 4. Aufl., 1871, S. 70, 98. — Ueber 
Metaplasie. Virchows Arch., Bd. 97, S. 410, 188i. — Transforma- 
tion and Descent. Journal of Pathology an Bacteriology, voL I, 
1893, S. 1. 

**) Virehow fasste den Begriff „Epithel** morphologisch 
auf; er nahm indess auch an, dass Epithelien von ganz spezifischer 
Beschaffenheit, wie z. B. Epidermis, aus Bindegewebszellen ent- 
stehen können, und erklärte auf diese Weise die Epidermiskn>bse 
der Knochen, welche R e m a k schon auf abnorme Einlagerungen 
von epidermoidalen Keimen zurückführen zu sollen glaubte, 
ebenso die Cholesteatome der Gehirnhäute (Virchows Arch., 
Bd. VIII, 1855, S. 371). Wenn auch derartige Umwandlungen von 
Bindegewebszellen heute nicht mehr angenommen werden, so hat 
man sich doch überzeugt, dass im morphologischen Sinne „epi- 



— 32 -• 

theliale" Zellen auch von anderen (iewebselementen entstehen 
können, als von sogen, „echten Epithelien". 

. ■*®) Beiträge zur Lehre von den beim Menschen vorkommenden 
pflanzlichen Parasiten. Virchows Arch. Bd. IX. 18r)(;, S. 557. 

*^) Ueber die multilokulare ulzerierende Echinokokkus- 
geschwulst der lA'ber. Würzb. Yerhandl., Bd. VI, 1855, S. 85. — 
Buhl hatte übrigens inzwischen seinen Irrtum selbst erkannt; 
s. daselbst S. 428. 

*0 Ilelminthologische Notizen. Ueber Trichina spiralis. Vir- 
chows Arch. Bd. XVIII, 18(K), S. 330. — Fütterungsversuche mit 
Trichina. Verhandl. der Gesellsch. f. wissensch. Medizin in Ber- 
lin. 19. III. 1860. — Die Lehre von den Trichinen. Berlin 18(M, 
und spätere Mitteilinigen. 

") Henle: Pathologische Untersuchungen. Berlin 1840. — 
Virchow: 100 Jahre allgem. Pathologie. S. 30. 

**) Otto O b e r m e i e r: Vorkommen feiner, eine Eigen- 
l)ewegung zeigender Fäden im Blute von Rekurrenskranken. Vor- 
läufige Mitteilung. Centralbl. f. d. me<liz. Wissenschaften. 1873, 
No. 10. O b e r m e i e r starb an Cholerainfektion 20. August 1873. 

*'') Die Fortschritte der Kriegsheilkunde, besonders im Gebiete 
der Infekt ionskranheiten. Beile, gehalten zur Feier des Stiftungs- 
festes der militäräratlichen Bildungsanstalten am 2. August 1874. 
Berlin 1874. 

*") Krank lieitswesen und Krankheitsursachen. Virchows Arch., 
Bd. 79, S. 1. 1881. 

*') Contra B e h r i n gl Berl. klin. Wochenschr., No. 44, 181>4. 
100 Jahre allg. Pathol. S. 40. 

^**) Die Untersuchungen über Tul>erkulose reichen schon in die 
erste Wüi"zburger Zeit zuriick und l)eschäftigten Virchow seit- 
dem andauernd. — Uelx^r Tuberkulose. Verhandl. der Gesellsch. 
f. wissensch. Med. zu Berlin. Deutsche Klinik S. 1(*»8, 1850. — 
Tuberkulose und ihre Beziehung zur Entzündung, Skrophulosis. 
Typhus. Wüi-zb. Verhandl. Bd. I, 1850. — Zur Geschichte der 
Lehre von der Tul>erkulose. Würzb. Verhandl. Bd. II, 1851. — 
Ueber die Verschiedenheit von Phthise und Tuberkulose. Würzb. 
Verhandl. Bd. III, 1852. — (Geschwülste. Bd. II. Vorlesung 20 
und 21. S. besondere Bd. II, S. 726. — Noch sehr deutlich erinnere 
ich mich, wie wir als Studierende in den beriihmten Demon- 
strationskursen — oft vergeblich — uns die grösste Mühe gaben, 
die tuberkulösen Verkäsungen von den verkäsenden Entzündungen 
z. B. in der Lunge zu unteracheiden. 

*^) Die ITebertragbarkeit der Perlsucht durch die Nahrung. Vir- 
chowsArch.. Pd.82, 1S80. S.550 und Beri.klin.AVochenschr. 14/15. -- 
Ueber Älenschen- und Rindertuberkulose. Berl. klin. Wochenschr. 
1901, No. 31. (Die von Virchow betonte Verschiedenheit bezog 
sich freilich urspriinglich nur auf die histologisclie Be- 
schaffenheit.) 

^) S. die Eröffnung des pathologischen ^Museums der Königl. 
Friedr. AVilhelms-X^nivei-sität am 27. Juni 1899. Mit 1 Ansicht ^md 
4 Giimdrissen. Berlin. 

") Immerhin wäre manches Miss Verständnis damals und 
später wohl vennieden worden, wenn V. diesen vieldeutigen und 
mit Recht in Misskredit gekommenen Ausdruck nicht gebraucht 
hätte, da er doch schliesslich etwas ganz anderes darunter ver- 
stand, als man darunter zu vei'stehen gewohnt war. 



- 38 - 

'-) Zellulaipathologie. Viichows Arch., Bd. VIII, S. 13. Die 
iiaturwissenscliaftliclie Methode etc. Virchows Areh., Bd. II, S. 10. 
Alter und neuer VitaüHiuiis. Virchows Arch., Bd. IX, S. 1. Spez. 
rathol. 11. Therap. 1, S. 4. 

^^) B ü t s c h 11 (Mechanisiiuis und Vitalismus. Leipzij? 1890. 
Auni. S. 94) bezeichnet V i r c h o w auf Ginind seiner Auffassunjj: 
des Lebens als einer eigentümlichen mechanischen Bewegungs;irt, 
als überzeugten M e c h a n i s t (» n. ja eigentlich Mechaniker. Da 
V i r c h o w jedoch über das grundlegende „Bewegungsgesetz** 
nichts Positives mitteile, so sei es nichts anderes, als die An- 
erkennung, dass eine unbekannte Gesetzlichkeit den I^ebenserschei- 
nungen zu Grunde liege; mit der jedenfalls ungerechtfertigten An- 
ualime, dass diese Gesetzlichkeit das AVesen einer sogen, „ab- 
geleiteten" Kraft habe. — VirchoAv sagt (Virchows Arch., Bd. IX, 
S. 20): „Aber trotzdem können wir nicht erkennen, dass die Er- 
scheinungen des Lebens sich einfach als eine Manifestation d(?r 
den Stoffen inhärierenden Naturkräfte begreifen lassen; vielmehr 
glaube ich immer noch als den wesentlichen Ginind des Lebens 
eine mitgeteilte abgeleitete Kraft neben den ^lolekular- 
kräften unterscheiden zu müsst^n. Diese Kraft mit dem alten 
Namen der Lebenskraft zu belegen, ünde ich keinen Anstand.** 
— „"Wir können inis nur vorstellen, dass zu gewissen Z(»iten der 
Kntwickelung der Erde ungew<)hnliche BtMlingungen eintraten, 
initer denen die zu neuen Vcn'bindungen zurückkehrenden P^lemente 
in Statu nascente d'w v i t a 1 (» B e w e g u n g t» r 1 a n g t e n, wo 
demnach die g e w ö li n 1 i c li e n m e c h a n i s c h e n B e w e - 
gungeu in vitale Kräfte umschlugen" ((Jesammelte 
Abh. S. 23) 1. c. S. 22. — „Auch von der Lebenskraft in dem mecha- 
nischen Sinne, in dem ich sie auffasse, bezweifle ich nicht, dass 
sie schliesslich als der Ausdruck einer bestimmten Zusammen- 
wirkung physikalischer ini<l chemischer Kräfte gedacht werden 
muss", 1. c. S. 23. — Als ein Zeugnis aus Virchows späteren 
Jahren sei hier noch folgende Stelle zitiert: „Nichts hindert, auch 
eine solche Richtung als Vitalismus zu bezeichnen, nur soll man 
nicht vergessen, dass eine l)esondere Lebenskraft sich nicht auf- 
finden lässt, und dass Vitalismus nicht notwendig ein spiri 
tualistisches oder auch nur ein dynamisches System l>edeutet. Al>er 
ebenso niuss man sich auch erinnern, dass Lel>en von den Vor- 
gängen in der übrigen Welt verschieden ist, und dass es sich nicht 
einfach auf physikalische oder chemische Kräfte reduzieren lässt** 
(100 Jahre Pathologie, S. .T). — Es müsste dann also diese ein- 
mal unter ganz 1) e s o n d e r e n Beding u n g e n ent- 
standene Art der Bt^wegung sich von dem ersten Keim auf iüVt 
Nachkommen üln^rt ragen haben, ohne jemals neu zu entstehen. 
alKH- doch mit d(»r Fähigkeit, ins Unbegi-enzte zuzum^hmen. In 
diesem Sinne spricht V i r c h o w von einer „mitgeteilten, abge- 
leiteten Kraft". Damit ist nun aber wie<ler die an anderer Stell«' 
erörterte MöglichkiMt. ja Wahi-scheinlichkeit schlecht in Einklang 
zu bringen, dass das organische I^ben nicht von einem Punkt, 
sondern von mehreren seinen Ausgang genommen haben sollte. 
Sollten sich dieselben „ganz besonderen Bedingungen'* mehrtach. 
zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wi"derholt 
hal>en, dann wäre (»s sclnver verständlich, dass, soweit wir nach- 
weisen können, das später niemals wieder der Fall gewesen ist. — 
Vorläufig können wir nicht umhin, die Struktur der Lebenssub- 
stanz, an welche die physikalisch-chemischen Vorgänge bei allen 

8 



— 34 — 

Leben sä ussenmjireu gelniudeii sind, für etwas Besonderes zu halten: 
die Beantwortung der Frage, ob die erste P^ntsteliung dieser 
Stnilitur sich lueohanisdi erklären lässt oder nicht, nuiss der 
individuellen Neigung überlassen bleil)en. 

■'*) „Wiederholt haben wir s<*hon erkläii:, dass wir es i ni 
n a. t u r w i s s e n s c h a f 1 1 i (• h e n Sinne f ü r u n ni <") glich 
e r a c h t e n , d i e s t» a 1 1 cm- d i n g s u n 1 e u g b a r c» T a t - 
s a c h e des B e w u s s t s e i n s z u e r k 1 ä r e n." „Hier ge- 
stehe ich dem einzelnen das Recht zu, seinem individuellen Be- 
dürfnis gemäss dognuitische o<ler metaphysische Sätze auf- 
zunehmen oder zu entwickeln, nur verlange ich. dass diese Sätze 
anderen nicht aufge<lnmgen werden sollen." — Empirie und Trans- 
zendenz. A'irchows Arch., Bd. A^II, 1854. S. 27. — I>ber den ver- 
meintlichen Materialismus der heutigen Natimvissenschaft (geg(Mi 
S c h 1 e i d e u). — Bede, in der allgemeinen Sitzung der Versamm- 
lung Deutscher Naturforscher und Aerate in Stettin 1863. — „Es 
gibt aber einen l*unkt, wo die Naturforschung inkompetent ist 
(im Augenblick wenigstens), ihren Fuss hinzusetzen; das sind die 
Taten des Bewusstseins." ..Wir haben noch keine Methode der 
Forschung, woilurch wir dem eigentlichen Geschehen und der 
Lokalität des Bewusstseins nahe treten könnten.**. Diese Anschau- 
ungen V 1 r c h o w s sind noch nach seinem Twle zum Gegenstand 
eines gehässigen Angriffs gemacht worden. Es ist mir nicht be- 
kannt, ob V i r c h o w in Bezug auf diese Frage später seine An- 
sicht geändert hat. An sich ist kein rechter Grund ersichtlich, 
wanim die Vorgänge des Bewusstseins der Naturfoi*schung nicht 
zugänglich sein sollten, da sie doch nichts anderes sind und sein 
können, als ein Ergebnis des Zusammenwirlcens der psychischen 
Funktionen, welche an materielle Verändeningen gebunden sind. 
Ich kann mir nicht versagen, an dieser Stelle auf die geistvolle 
Dai*stellung von Ewald Hering in seinem gedankenreichen 
Aufsatz ül>er das Gedächtnis (Almanach der Wiener Akademie. 

Bd. 10, 1870) hinzuweisen: so bleibt ihm (dem Physiologen) 

nur noch übrig, anzunehmen, dass diese gegenseitige 
Abhängigkeit zwischen (Jeistigem und Mate- 
riellem gleichfalls eine gesetzmässige sei, und 
das Band ist gefunden, welches für ihn die Wissenschaft von 
der Materie mit der Wissenschaft vom Bewusstsein zu einem 
(Janzen verbindet. — So beti*achtet ei*seheinen die Phänomene 
des Bewusstseins als Funktionen der materiellen Veriinderungen 

der organisierten Sul>stanz, und so betrachtet erscheinen 

lungekehrt die materiellen Prozesse der Hinisubstanz als Funk- 
tionen der Phänomene des Bewusstseins. — Mit Hilfe der Hypo- 
these des funktionellen Zusammenhangs zwischen (Geistigem und 
^L'iteriellem ist nunmehr die heutige Physiologie im stände, die 
Erscheinungen des Bewusstseins mit Erfolg in den Kreis ihn^ 
Untersuchungen zu ziehen, ohne den sicheren Boden naturwissen- 
schaftlicher Methode zu verfassen" (S. 258). 

•''^) Deszendenz imd Pathologie. Virchows Arch., Bd. lOH. 
188«, 1. — R. Virchow: TJelH-r Akklimatisation. Rede in der 
2. allgem. Sitzung der Versamml. deutscher Naturf. u. Aerzte in 
Strassburg, 22. IX. 1885. — Transformation and I>escent (Tnins- 
formismus und Deszendenz). Jounial of Pathology and Bacterio- 
logy 1893, I, 1 (8. Berl. klin. W^ochenschr. 1894, No. 1). 

^) Ueber Erblichkeit I. Die Theorie Darwins. Deutsche 
Jahrbücher für Politik und Literatur, Bd. VI, 1803. — Ueber 



— So- 
den Trausforinisuuis. Itede in ilor alldem. Sitznng der Versa mini, 
deutscher Naturf. u. Aei-zte in AViesbaden 1887. S. VM\. 

■"'■) Uel)er die Freilieit. der Wissenscliaft im modernen Staat, 
llede in der 3. allgem. Sitzung der r»(>. Versammlung deutscher 
Xaturf. u. Aerzte zu München. 22. IX. 1877. S. 7<;. — Ernst 
H ae c k e 1: Freie AVissens<-haft und freie I^hre. Eine Entgegnung 
auf Virchows Münchener Rede. Stuttgart 1878. — Zwischen 
<ler theoretischen Anerkennung der Deszendenzlehre und 
der Scheu, die vorhandenen Funde iK'züglich des Menschen in 
entspix^chendem Sinne zu deuten, ist ein schwer wegzuleugnender 
AVidcrspruch vorhanden. 



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